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Eindrücke von der Arbeit des Fotografen Hans Peter Feldmann

Eine Firma

"Guten Tag, ich heiße Feldmann. Darf ich ein Foto von Ihnen machen?" So oder mit ähnlichen Worten eröffnete der Düsseldorfer Fotograf das Gespräch, wenn er sich entschlossen hatte, einen Mitarbeiter "der Firma" zu fotografieren. Dieser sanften Überrumpelung konnte sich niemand entziehen. Skeptische Kollegen ermahnten ihn, ihnen unbedingt das Foto vor der Veröffentlichung zu zeigen. Feldmann schaffte es, sich mit viel Feingefühl Mitarbeitern zu nähern, egal ob sie White- oder Blue-Collar-Jobs hatten. Jeder, der sein Bild wollte, bekam es beim nächsten Besuch des Fotografen zu sehen.
Nach seinen eigenen Worten fotografiert er für gewöhnlich keine Menschen, sondern Dinge. So war es auch für Feldmann ein Experiment, Menschen in ihrer Arbeitsumgebung zu fotografieren. Für die Mitarbeiter der Firma war es auch etwas ganz Neues, selbst Gegenstand des künstlerischen Interesses zu sein. Meistens kennen sie Fotografen im Betrieb nur als von der Werbeabteilung beauftragte Fotodesigner, die die Ästhetik eines Produktes auf Film bannen sollen. Das ganz andere Erleben dieses Fotografen machte sie scheu und neugierig, verunsicherte sie, wobei sie aber nicht ihr Selbstbewußtsein verloren, auch ihre Interessen zu vertreten.
Auf der Eröffnung der Ausstellung "Eine Firma" berichtete Feldmann, daß er bei den ersten Besuchen im Unternehmen nicht wußte, was er fotografieren wollte. Zu Beginn der Arbeit hätte er noch kein Konzept gehabt. Erst nach einigen hundert Aufnahmen, die er in Ruhe zu Hause betrachtet habe, sei der Entschluß gereift, Menschen zum Gegenstand seiner Arbeit zu machen. Es sollte ein Porträt einer beliebigen Firma werden, in dessen Mittelpunkt die dort arbeitenden Menschen stehen.
Die Eigentümlichkeit der modernen Arbeitswelt faszinierte Feldmann. Er selbst lernte bei seinen Ausflügen in die Welt eines Großbetriebes schnell die informellen Regeln, die das Leben in der Sphäre der Arbeit bestimmen. Daß ein Stück Kuchen nicht nur satt macht, sondern eine symbolische Geste sein kann, besonders in einer Umgebung, in der nichts lustvoll ist, wußte er bereits bei seinem zweiten Besuch.
An den Tagen, an denen er die Firma besuchte, kam er immer gegen 10 Uhr, trank eine Tasse Kaffee, aß ein Stück des mitgebrachten Kuchens, bereitete seine Kamera vor und versorgte sich mit Ersatzfilmen. Die Szene erinnerte an die Vorbereitung eines Tauchers vor seiner Exkursion in die Unterwasserwelt. Auch Feldmann tauchte, aber in die Arbeitswelt. Vom Keller bis hinauf in die Chefetage erkundete er jeden Winkel der Firma. Vereinzelt riefen Abteilungsleiter an, die gewissenhaft ihrer Aufsichtspflicht nachkamen, ob das auch seine Richtigkeit habe, daß ein Fotograf ohne Begleitung (!) durch das Gebäude laufe und fotografiere.
Um Feldmann nicht zu sehr in seiner Arbeit durch andauernde Rechtfertigungen aufzuhalten, bekam er einen offiziell wirkenden Ausweis, den er in einer Plastikhülle an seiner Jacke trug: "Fotograf im Auftrag des BdL Kulturprogramms." Da die drei Buchstaben BdL bei pflichtbewußten Vorgesetzten eine magische Wirkung haben, stehen sie doch für "Büro der Leitung", konnte Feldmann bald seine Arbeit ohne Unterbrechungen fortsetzen.
Nach drei Stunden tauchte er meist wieder auf, rastete kurz und verschwand wieder in den Gängen der Firma. Abends fuhr er mit dem Zug zurück nach Düsseldorf. Mitarbeiter, die zum erstenmal die Bilder sahen, äußerten häufig spontan: "Das soll Kunst sein? Solche Fotos mach ich auch noch." In Feldmanns Gegenwart reagierten sie so natürlich aus Höflichkeit nicht. Die asketische Art der Fotografie provozierte. Nur Schwarzweißaufnahmen, grobkörnige Vergrößerungen, unscharfe Abzüge und die Ansicht der Menschen von Kopf bis Fuß irritierten. Zur weiteren Verwirrung trug bei, daß Hans-Peter Feldmann gelegentlich erklärte, jeder sei ein Künstler.
Kritischen Fragen mußte sich Feldmann bei einem Gespräch im Anschluß an die Eröffnung der Ausstellung "Eine Firma" in der Firma stellen. "Ich wollte das wichtig finden, was ich gesehen habe. Nur der erste visuelle Eindruck war ausschlaggebend", erklärte Feldmann. Papier mit schwarzen Punkten, das sei ein Foto und nur ein Versuch, die Wirklichkeit darzustellen. Das Bild entstehe erst im Kopf, erklärte er den Zuhörern und Zuschauern. Verblüfft hörten sie auch, daß er in den wenigen Tagen, in denen er in der Firma war, rund 3.000 Aufnahmen gemacht hatte. Nur 135 davon hat er für die Ausstellung und das Fotobuch, das die Projektarbeit dokumentiert, ausgesucht.
Außer Menschen hat er Arbeitsplätze, Stühle, Gänge und Pflanzen dokumentiert. Die Welt, wie sie ist, will er zeigen, erklärte er. Daß ihm das mit den Aufnahmen bei der Firma gelungen ist, bestritt keiner der Anwesenden. Putzfrauen und Direktoren, Arbeiter und Abteilungsleiter - alle wurden gleich fotografiert und gleich groß abgebildet, und zwar auf einer Seite des Fotobuches. Feldmann ist ein Vertreter einer demokratischen Kunst: Jeder wird so gezeigt, wie er ist.
Dieser große Realitätsgehalt seiner Bilder verhindert das einfache Konsumieren. Seine Aufnahmen entsprechen nicht der Werbeästhetik, wie wir sie aus Zeitschriften und Fernsehen gewohnt sind. Seine Bilder zwingen zum genauen Hinsehen. Es gibt viel zu entdecken und zu fragen. Feldmann legt großen Wert darauf, daß sich die Menschen, die er fotografiert hat, ihre Fotos wieder aneignen können. Jeder, der sich auf einem der gezeigten Fotos entdeckt, erhält das Fotobuch geschenkt.
Menschen, die die Bilder betrachten und nicht die Firma kennen, sind zum Teil schockiert. Wie abgearbeitet die Menschen aussehen, und wie abweisend die Bürolandschaften wirken. Ob sich hier jemand auf das Büro freut? Die Bilder halten ihnen einen Spiegel vor. Wahrscheinlich sieht es bei ihnen in der Firma genauso aus. Das ist es, was Hans-Peter Feldmann erreichen wollte. Ein Porträt einer Firma, aufgenommen vom November 1990 bis zum Januar 1991.


Jürgen Patner, in: Fotoprojekt Nr. 16, Siemens Fotoprojekt 1997- 1992, Eine Firma, Hans Peter Feldmann, 1991

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